Hauptmann Jehan Pertsch fährt sich müde mit der Hand über die Stirn, die schwarz von Ruß und rot von Blut ist. Um ihn herum liegen Verletzte und Sterbende - zu viele, als dass sich die Heiler rechtzeitig um jeden kümmern könnten. Er hustet, als der Wind den Gestank von Rauch, verwesendem Fleisch und Fäulnis aus der Richtung der Stadt heranträgt. Am Fuße der Stadtmauern, gnädig von Morgennebelschwaden verdeckt, liegen Berge von Toten, zerbrochene Waffen und geborstenes Belagerungsgerät. Alles, was noch irgendwie lebte, hat man inzwischen hierher, in das in sicherer Entfernung liegende Lager gebracht. Viele haben noch nicht einmal mehr diesen Transport überlebt. Jehan ballt zornig die Fäuste. Die Dunklen hatten weitaus weniger Verluste. Kaum ein schwarz-grüner Wappenrock findet sich unter all den rot-weißen gelb-grünen und blau-gelben. Ganz zu schweigen von den vielen Toten in ziviler Kleidung. Die eigenen Leute hatte man zum zweiten Mal erschlagen, als sie sich, von unheiliger Magie verhext, wieder von den Toten erhoben und gegen die trawonischen Truppen gewandt hatten. Soldaten, einfache Bürger, Frauen und sogar Kinder waren mit leeren Augen in den verschiedensten Stadien der Verwesung über seine Leute hergefallen. Seit dem Morgen war es allerdings ruhig geworden - ruhiger als an all den anderen Morgen in diesem langen Krieg. Die Angriffe heute Nacht waren die schwersten gewesen, die Jehan seit langem erlebt hatte. Ein mächtiges Aufbäumen, das nun in gespenstische Stille umgeschlagen war. Der Hauptmann stützt sich erschöpft auf die Reste eines Katapultes. Von hier aus kann man das Stadttor erkennen, das schief in den Angeln hängt. Zwischen den beiden Türflügeln zeigt sich ein schmaler Spalt. Ein nicht allzugroßer Mann müsste sich dort durchdrücken können, aber wer würde schon so verrückt sein? Hin und wieder ist hinter dem Tor Bewegung zu erkennen. Auf den Mauern patroullieren einige Wächter - ehemalige Bürger der Stadt, nun schwerfällig tapsende, grauenhaft anzusehende Untote. Jehan weiß aus eigener Erfahrung, dass diese scheinbare Unbeholfenheit trügerisch ist. Diese ... Dinge kennen keine Erschöpfung, keinen Schmerz; nur einen alles verzehrenden Hunger nach Leben und Blut. Während er noch zur Stadt hinübersieht, bemerkt er auf einmal, dass zwei der untoten Wächter plötzlich schwanken und in die Knie brechen. Einer davon stürzt über die Brüstung und bleibt regungslos auf der darunterliegenden Bastei liegen. Der Hauptmann reibt sich ungläubig die Augen. Ein Hirngespinst? Doch schon wieder sieht er einen Wächter zusammensacken. Wenige Minuten später ist auf den Zinnen der Stadt keine Bewegung mehr festzustellen. Jehan greift sich einen Trommelbuben mit schmuddeligem Kopfverband, der gerade einem Heiler einen Korb Verbände gebracht hat. "He, Junge! Lauf so schnell du kannst zu Oberst von Weidenthal. Sag ihm, dass in der Stadt etwas Merkwürdiges vorgeht. Ich komme sofort nach." Der Junge hastet davon und Jehan macht sich ebenfalls, wenn auch langsamer, in Richtung Stabszelt auf.
Er trifft dort Oberst von Weidenthal an, der gerade einen Becher heißen Tees umklammert hält. Der Oberst hat tiefe Ringe unter den Augen und eine frische Naht zieht sich vom rechten Ohr bis zum Kinn hinunter. Terkon Alibandus, der Heiler, packt gerade seine Sachen zusammen und verlässt schweigend das Zelt. "Was gibt's, Hauptmann?" wendet sich von Weidenthal an Jehan. "Vor wenigen Minuten sind die Wachen auf den Stadtmauern umgekippt, Herr Oberst. Einfach so. Es wurde von unserer Seite kein Zauber gewirkt, kein Pfeil abgeschossen. Sie sind einfach zusammengebrochen und bisher wurden sie auch nicht ersetzt. Auf den Mauern bewegt sich nichts mehr." Der Oberst kneift die Augen zusammen. "Hmmm, das ist in der Tat merkwürdig. Wir werden die Stadt zunächst genau beobachten. Stellt euch in der Zwischenzeit einen Trupp Freiwilliger zusammen. Sie sollen sich, falls die Lage so bleibt, der Stadt nähern und vielleicht sogar das Innere auskundschaften. Sorgt dafür, dass sie alles an Ausrüstung erhalten, das ihnen vielleicht nützlich sein könnte. Natürlich werden sie für ihren Einsatz belohnt werden." Hauptmann Pertsch nickt, grüßt und verlässt das Zelt. "Wo soll ich denn diese Freiwilligen hernehmen?", grübelt er. "So wahnsinnig kann doch gar keiner sein."
In seinem Lagerabschnitt angekommen, lässt er seine Leute zusammentrommeln. Schnell sind seine Leute angetreten, von dem Bild des strahlenden Helden sind sie allerdings weit entfernt. Die Wappenröcke sind verschmutzt und vielfach zerrissen, die Rüstungen verbeult, Kettenringe gesprengt. Am schlimmsten sind die Gesichter: Grau und von den Anstrengungen der letzten Monate gezeichnet. Doch trotz allem stehen sie hoch aufgerichtet in Reih und Glied. Sie zeigen einen Stolz, den weder Schmutz noch Leid zu brechen im Stande sind. Jehans Augen leuchten, als er den Blick über seine Männer und Frauen schweifen lässt, an denen sich die Dunklen die Zähne ausbeißen werden.
"Soldaten!", schmettert er, "Oberst von Weidenthal sucht Freiwillige, die die Stadt genauer in Augenschein nehmen sollen. Die Wachen auf den Wällen sind seit einiger Zeit nicht mehr auf Posten und es scheint sich keine Maus mehr dort zu bewegen. Wer meldet sich für dieses Kommando?"
1-mal bearbeitet. Zuletzt am 28.04.07 03:03.